Architekt Markus Fischer's Replik auf Benedikt Loderer im Tages-Anzeiger vom 2.6.2010: Ein selbstbezogenes Stück Architektur

Das Erweitungsprojekt des Landesmuseums sei missglückt, schreibt Architekt Markus Fischer

Das 1892 bis 1898 vom Architekten Gustav Gull erbaute Landesmuseum gehört zu den hervorragenden Werken schweizerischer Architektur im ausgehenden 19. Jahrhundert – dank seiner Stellung im städtebaulichen Kontext, seiner architektonischen Gestalt und seiner innenräumlichen Entwicklung. Der letzte Woche an dieser Stelle publizierte Artikel von Architekturkritiker Benedikt Loderer zum geplanten Erweiterungsbau des Museums darf deshalb nicht unwidersprochen bleiben. Loderer begründet sein Ja zur Erweiterung damit, dass mit dem Anbau ein architektonischer Gewinn herausschaue. Was entstehe, sei besser, als was ist. Im Grunde aber findet er das bestehende Gebäude von Gull schlecht, und sagt es auch: «Hervorragende Architektur ist es nicht.» Eine Begründung dazu liefert er nicht. Er präsentiert nur eine Meinung vieler Architekten, die sich nicht mit dem Bau von Gull auseinandergesetzt haben und ihn schlicht nicht verstehen oder verstehen wollen.

Das Projekt des jungen Architekten Gustav Gull machte 1890 Furore weit über Zürich hinaus. Gulls Projekt wirkte neu und ungewöhnlich, weil es die beiden architektonischen Schulen, welche in der Schweiz dominierten – in der Westschweiz die französische Beaux-Arts- Tradition und in der Deutschschweiz die Schule von Semper – überwinden konnte.

Prägend beim Landesmuseum sind die malerisch-asymmetrische Gesamtdisposition mit der Verkettung von Höfen, die reiche Variierung der Bauvolumen und die Setzung eines markanten Vertikalzeichens. Damit steht der Bau in der Tradition englischer Grosskomplexe, wie etwa den Colleges oder dem Parlamentsgebäude in London. Das war auch der Grund, weshalb die Stadtbehörden von Zürich unbedingt Gull als Stadtbaumeister gewinnen wollten. Nach der Stadtvereinigung von 1893 brauchte die Stadt ein neues Stadthaus.

Wie verhält sich nun der Neubau zum Altbau? Werden seine wesentlichen Qualitäten respektiert und gewahrt? Leider erfüllt der Neubau diese Anforderungen nicht. Die malerische Silhouette mit den reich variierten Bauvolumen wird vom Park und vom Neumühlequai aus völlig versperrt. Der Altbau ist aus der Perspektive des Fussgängers kaum mehr sichtbar (die offizielle Visualisierung ist irreführend). Der Museumshof gegen den Park wird zu einem Innenhof - statt auf den wunderbaren Baumbestand blickt man an eine Betonwand. Gleichzeitig verengt der Neubau auf der Limmatseite den Zugang zum Park, und nabelt diesen von der Stadt ab. Dies ist umso schlimmer, als heute schon der Zugang zum Park auf der Sihlseite abgeriegelt ist. Ist der Neubau wenigsten funktional überzeugend? Der vielgelobte Ring als Grundfigur, die laut Loderer Gull nicht zu Ende geführt habe, ist eine Illusion. Loderer hat wohl die Grundrisse nicht studiert. Auf keiner Ebene des Neubaus besteht eine durchgehende Verbindung, die den vielzitierten Rundgang erlauben würde. Das Erdgeschoss und das 1. Obergeschoss wird durch die brückenartige Öffnung unterbrochen. Im 2. Obergeschoss, wo sich die Wechselausstellung befindet, fehlt eine Verbindung in den Altbau. Der Neubau funktioniert autonom, womit er genauso gut auch an einem andern Standort stehen könnte, etwa auf dem Carparkplatz.

Die Qualität des Neubaus liege im Mehrdeutigen, Vielschichtigen, auch Unerklärlichen des Projekts, meint Loderer. Selten hat man etwas so Beliebiges von einem Architekturkritiker gehört. Wohlweislich enthält sich Loderer einer genauen Beschreibung des Neubaus, einem modischen Verschnitt aus Zaha Hadid und Daniel Libeskind (Jüdisches Museum Berlin). Das Projekt von Christ & Gantenbein ist ein selbstbezogenes Stück Architektur, das sich nicht um den Kontext kümmert, den Dialog mit der Stadt nicht sucht. Dort wo es sich angeboten hätte, Park und Museum zu verbinden, zum Beispiel mit einem Café im Erdgeschoss,
befinden sich Werkstätten. Und vom Park aus präsentiert sich das Museum als perfekte militärische Sperranlage gegen den bösen Feind, der von Norden her in die Stadt eindringt.

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